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Nico Schlotterbeck im Klassiker zweimal auf der Kippe

Der Samstag in der Bundesliga ging zu Ende und gerade das Topspiel hatte es komplett in sich. Nachdem der Samstagnachmittag aus Schiedsrichtersicht überwiegend gut war, gab es die ein oder andere Szene beim Klassiker zum diskutieren. Im Mittelpunkt stand der junge Schiedsrichter Sven Jablonski der gleich in zwei Szenen besonders gefordert war. Die erste Szene entstand in Hälfte 1 als Nico Schlotterbeck böse Stanisic am Schienbein traf. Jablonski belies es dabei nur bei Gelb. Die nächste Szene gab es in Hälfte 2, als wiedermal Nico Schlotterbeck einen Foulelfmeter verursachte, als er Michael Olise zu Fall brachte. Hier hätte es spätestens die zweite Gelbe geben MÜSSEN. Schlotterbeck mit viel Glück das Spiel über 90 Minuten spielen zu dürfen. Die genaue Analyse zu den Szenen wie folgt:

Werder Bremen – 1. FC Heidenheim 2:0 (SR: Florian Badstübner)

Szene 1: Olivier Deman blieb mit seinem Zuspiel auf Milosvevic hängen und bekam den Ball wieder. Der Linksverteidiger schob dann ins leere Tor ein. Doch Milosevic stand im Abseits und behinderte Feller. Das Tor zählte wegen dem Sichtfeldabseits nicht. Im sogenannten Sichtfeldabseits reicht es bereits aus, wenn der abseits stehende Spieler (hier Milosevic) im Sichtfeld des Torhüters (Feller) steht und dadurch die theoretische Möglichkeit beeinträchtigt, den Ball zu sehen oder zu reagieren – auch ohne Körperkontakt oder wenn der Torwart letztlich nicht aktiv gestört wird. In diesem Fall stand Milosevic parallel am Fünfmeterraum und behinderte Feller.

Letztlich hatte der Schiedsrichter das Tor aber nicht wegen dem Sichtfeldabseits, sondern wegen eines Fouls von Milošević an Feller annulliert. Entscheidend war die aktive Behinderung: Milošević hatte Feller körperlich kontaktiert oder zumindest deutlich behindert, als Deman den Ball ins leere Tor schob. Das fällt unter Regel 12: Ein Angreifer darf einen Gegner nicht illegal behindern oder physisch kontaktieren, um einen Vorteil zu erlangen – auch wenn der Ball nicht direkt involviert ist. Im Gegensatz zum reinen Sichtfeldabseits (das nur die Sicht beeinflusst, ohne Kontakt) war hier ein klarer Foulkontakt erkennbar, weshalb das Tor zurückgenommen wurde.

Bayer 04 Leverkusen – 1. FSV Mainz 05 1:1 (SR: Tobias Stieler)

Szene 2: Ein Leverkusen-Spieler zog einen Rechtsschuss aus etwa 20 Metern aufs Mainzer Tor ab. Mainz-Innenverteidiger Kacper Potulski warf sich per Grätsche in die Schussbahn und blockte den Ball erfolgreich – ein klasse Einsatz, der den Schuss verhinderte. Die Werkself reklamierte sofort Handspiel, weil der Ball Potulski am Arm traf oder streifte. Der VAR schaltete sich ein und zitierte Schiedsrichter Tobias Stieler an die Seitenlinie damit er sich die Bilder selbst ansieht. Stieler prüfte die Szene am Monitor und stellte fest, es lag ein Handspiel vor – Potulski hatte den Arm im Zuge der Grätsche leicht abgespreizt, sodass der Ball den Arm berührte. Trotzdem gab es keinen Strafstoß für Leverkusen! Stieler erklärte über das Stadionmikrofon, dass das Handspiel zwar vorlag und ahndungswürdig wäre – aber in der Entstehung der Szene eine vorherige Abseitsstellung bestand. Dadurch wurde die Aktion annulliert, und es blieb bei kein Elfmeter. Regeltechnisch die richtige Entscheidung. Das Abseits hebt das Handspiel danach auf. 

Szene 3: Für mich hätte sich Kohr nicht beschweren, wenn es statt Tor für Mainz Elfmeter für Leverkusen gibt. Das Klammern ging klar von Kohr aus und ist super mannorientiert und sehr lange, der Ball geht auch zu Schick. Nach Regel 12 ist Halten im Strafraum strafbar, wenn es den Gegner illegal behindert und einen Vorteil verhindert. Kohr’s Aktion war nicht subtil: Langer Arm, Ziehen, sehr mannorientiert – das ist genau das, was VAR und Schiris in der Bundesliga seit Jahren strenger ahnden. Selbst wenn Kohr argumentiert das passiert immer oder Schick sucht den Kontakt: Der Kontakt ging primär von ihm aus, und es war lang genug, um Schick zu behindern. Keine leichte Berührung – das war ein klassisches Haltendes Foul.

Borussia Mönchengladbach – 1. FC Union Berlin 1:0 (SR: Dr. Matthias Jöllenbeck)

Szene 4: Rocco Reitz leistete die Vorarbeit – wahrscheinlich mit einem präzisen Pass. Kevin Diks vollendete vom linken Fünfereck in die kurze Ecke – ein schöner, platziert geschossener Treffer ins rechte untere Eck aus Sicht des Torwarts. Aber es lag hauchdünne Abseitsstellung vor: Der Kapitän stand bei Reitz‘ Vorarbeit minimal mit der Fußspitze vor der letzten Abwehrreihe von Union. Nach Regel 11 ist jede aktive Beteiligung durch Ballberührung , Beeinflussung des Gegners oder des Torwarts in Abseitsstellung strafbar – hier griff der Spieler ins Spielgeschehen ein. Der VAR überprüfte die Szene, die Linien zeigten Millimeter-Abseits, und das Tor wurde nachträglich annulliert.

Szene 5: Stanley Nsoki trat Gustav Bolin im Strafraum – ein klarer Tritt ans Bein, während Bolin den Ball führen wollte. Jöllenbeck entschied zunächst auf Freistoß direkt an der halbrechten Strafraumkante also kein Elfmeter, weil er die Position als knapp davor einschätzte. Das Foul war aber deutlich im Strafraum: Der Kontakt passierte innerhalb der Strafraumlinie. Der VAR schaltete sich sofort ein, überprüfte die Bilder und beorderte Jöllenbeck an den Monitor. Nach Ansicht der Szene korrigierte der Schiedsrichter: Elfmeter für Gladbach, den Kevin Diks zum Siegtreffer verwandelte.

TSG Hoffenheim – FC St. FC St. Pauli 0:1 (SR: Deniz Aytekin)

Szene 6: Danel Sinani ging bei einem Luftzweikampf zu robust gegen Robin Hranac vor. Sinani setzte seinen Arm als Werkzeug ein: Der Ellenbogen traf Hranac ins Gesicht – ein klassischer Check mit dem Arm hoch im Luftduell, der den Gegner traf. Schiedsrichter Aytekin pfiff Foul für Hoffenheim. Es gab keine Gelbe Karte für Sinani, obwohl der Einsatz hart war und der Ellenbogen im Gesicht landete, was normalerweise mindestens Gelb nach Regel 12 bedeutet. Mit übermäßiger Hätte und der Gefahr für den Gegner hätte es den Platzverweis durch gelb/rot geben.

Borussia Dortmund – FC Bayern München 3:2 (SR: Sven Jablonski)

Szene 7: Nico Schlotterbeck grätschte gegen Josip Stanišić, sprang mit dem Fuß quasi vom Ball ab und traf dadurch Stanišić mit offener Sohle am Schienbein. Wir sprechen hier nicht von Trefferbildern, sondern von einer wirklich harten Grätsche ans Schienbein. Jablonski zeigte nach kurzer Überlegung und VAR-Check nur Gelb! Grund dafür ist sicherlich, dass Schlotterbeck klar den Ball spielt, Stanišić weiterspielen konnte und der Schiedsrichter nicht in diesem Maß ins Spiel eingreifen wollte. Aber das war schon sehr grenzwertig. Nico Schlotterbeck ging per Grätsche rein: Er traf den Ball zuerst sauber, sprang aber quasi vom Ball ab – die offene Sohle folgte und traf Stanišić hart am Schienbein. Es war keine leichte Berührung: Eine wirklich harte Grätsche mit offener Sohle, die Stanišić zu Boden brachte und Behandlung brauchte – klassisch riskant und potenziell gefährlich.  Aber Schlotterbeck spielte den Ball klar vor dem Kontakt – das ist ein entscheidender Faktor nach IFAB-Regel 12. Wenn der Ball getroffen wurde, wird der Folgekontakt oft milder bewertet, selbst bei studs up.

Stanišić konnte nach kurzer Behandlung weiterspielen. Das reduziert die Schwere des Fouls in der Einschätzung des Schiedsrichters. In einem Klassiker mit hoher Spannung, tendieren Unparteiische in der frühe Phase und vollem Stadion oft dazu, das Spiel laufen zu lassen, solange es nicht extrem brutal ist.

Aber es ging um einen harten Aufprall am Schienbein, nicht um ein Trefferbild wie bei Ellenbogen ins Gesicht – aber studs up ans Bein ist immer riskant. Da kam Schlotterbeck schon mit einem blauen Auge davon. Wenn er da Rot bekommen hätte, würde ein VAR auch nicht eingreifen. Nico Schlotterbeck selbst mit einer fairen Einschätzung, der auch Rot akzeptiert hätte.

Szene 8: Josip Stanišić schlug einen Haken an Schlotterbeck vorbei und startete einen aussichtsreichen Konter der Bayern – er war frei durch, hatte Tempo aufgenommen, klare Torchance in Sicht. Schlotterbeck schleifte sein Bein nach und brachte ihn zu Fall. Schiedsrichter Sven Jablonski pfiff sofort Foul und zeigte auf den Elfmeter für Bayern – korrekte Entscheidung, da der Kontakt klar im Strafraum war und Stanišić dadurch am Torschuss gehindert wurde. Hier fehlte aber die zweite gelbe Karte für den Dortmunder. Ein Foul, das einen aussichtsreichen Angriff (promising attack) stoppt, wird mit Gelb geahndet. Hier: Schlotterbeck spielte nicht den Ball (nur Nachziehen des Beins nach dem Fehlschritt), es war ein klares taktisches Foul durch Behinderung ohne Ballberührung. Stanišić war durchgebrochen, freie Bahn zum Tor, nur noch Kobel davor – das erfüllt die Kriterien für DOGSO und die gelb/rote Karte.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Abdullah

    Ich glaube Jablonski hat beim Elfmeter das Foul so interpretiert, das Schlotterbeck zum Ball wollte…Grätsche am Anfang ist tendenziell eher Rot, aber das wäre ein massiver Eingriff ins Spiel gewesen. Stieler hätte die gegeben 😀

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