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Die Szene des Spiels: Adeyemi (2.v.l.) stößt Lindström von hinten um, der fällt gleich hin. Zum Entsetzen der Eintracht-Profis gibt es keinen Strafstoß. [Screenshot: DAZN]

Totalausfall in Köln?

Am 12. Spieltag der Bundesliga kam es beim Topspiel am Samstagabend zu einem der größten Aufreger der bisherigen Saison, als Schiedsrichter Stegemann fälschlicherweise der Eintracht einen Strafstoß verweigerte und Adeyemi nicht vom Platz schickte. Beim Videoassistenten kam es wohl zum Totalausfall, sodass dieser klare Fehler nicht korrigiert werden konnte. Aber auch in den anderen Spielen am Samstag und Sonntag gab es interessante Szenen für die DFB-Schiedsrichter.

Eintracht Frankfurt – Borussia Dortmund 1:2 (SR: Sascha Stegemann)

Es war der Aufreger des Spieltags, als der Frankfurter Angreifer Lindström kurz vor der Pause einschussbereit vor dem Dortmunder Gehäuse stand und nach einem deutlichen Stoßen von Adeyemi zu Fall kam. Dabei stieß der Dortmunder seinen Gegenspieler wuchtig mit beiden Armen in den Rücken. Für Lindström besteht bei so einer guten Abschlussposition schlichtweg auch kein Grund sich fallen zu lassen, sodass das Stoßen sehr sicher maßgeblich für das Fallen des Eintracht-Spielers war. Schiedsrichter Stegemann verweigerte den Frankfurtern aber den Elfmeter und ließ weiterspielen. Auch aus Köln kam keine Review-Empfehlung vom Videoassistenten Dr. Robert Kampka. Das war und ist immer noch mehr als verwunderlich, da hier gleich zwei zentrale Eingriffgründe in einer Szene für Kampka bestanden. Zum einen der fälschlich verweigerte Strafstoß, zum anderen aber auch die fehlende rote Karte für den Dortmunder Adeyemi. Denn hier lag eine Verhinderung einer klaren Torchance durch ein gegnerorientiertes Vergehen vor. Zwar hatte Lindström nie die volle Ballkontrolle, dafür wäre er aber wohl sicher an den Ball gekommen und hätte ihn mit (für einen Profi erwartbarem) Geschick den Ball einfach ins Dortmunder Tor einschießen können. [TV-Bilder ab Minute 3:03]

Schiedsrichter Stegemann stellte sich direkt nach Abpfiff vor die Fernsehkameras bei Sky und ließ sich am Sonntagvormittag nochmal im Sport 1-Doppelpass zuschalten. Für ihn wäre hier Strafstoß und Rot ebenfalls die einzig richtige Entscheidung gewesen. Auf dem Platz habe er das Stoßen nicht wahrgenommen und der Eingriff in Köln sei nach kurzem Austausch mit Dr. Robert Kampka ausgeblieben, da in den vier Standardperspektiven kein klarer Fehler für den VA ersichtlich gewesen sei. Hier ist wohl schlichtweg von menschlichem Versagen auszugehen, denn in solchen Szenen ist als Videoassistent höchste Vorsicht geboten, da gleich zwei potenzielle Eingriffsgründe im Raum standen. Auch in „nur“ vier Kameraperspektive muss das Stoßen in den Rücken deutlich ersichtlich gewesen sein. Es ehrt Stegemann, dass er sich in der Öffentlichkeit als Schiedsrichter vor sein Team stellt, am Ende hätte aber so ein klarer Fehler in Köln einfach nicht passieren dürfen.

Laut Medienberichten reagierte Projektleiter Dr. Jochen Drees mit einer Absetzung Kampkas als Videoassistent am kommenden Wochenende.

FC Bayern München – 1. FSV Mainz 05 6:2 (SR: Benjamin Cortus)

Nachdem FIFA-Schiedsrichter Felix Zwayer kurzzeitig krankheitsbedingt ausfiel, pfiff der ursprünglich als vierter Offizieller eingeteilt Benjamin Cortus die Begegnung zwischen den Bayern und Mainzern am Samstagnachmittag in der Allianz Arena. Dabei kam es Ende der ersten Halbzeit zu zwei Eingriffen des Videoassistenten Markus Schmidt. Dieser lag dabei einmal goldrichtig, als der FSV-Verteidiger Alexander Hack den schnellen Münchner Sadio Mane kurz vor der Grundlinie im eigenen Strafstoß umgrätschte, ohne dabei den Ball zu spielen. Cortus nahm das wohl auf dem Platz nicht wahr, da er nur einen Einblick von hinten auf die Szene hatte, sodass es vollkommend zurecht zum Eingriff des Videoassistenten kam. Cortus ging zum Monitor und entschied nach wenigen Wiederholungen auf Elfmeter für die Bayern. Korrekte Entscheidung!

Wenige Minuten später dann überraschenderweise der nächste Gang von Cortus in die Review-Area. Dieses Mal ging es um ein mögliches Vergehen des Bayern-Schlussmanns Sven Ulreich im eigenen Strafraum. Vermutlich nahm Cortus eine Ballberührung von Ulreich bei seinem Hechtsprung wahr, weil das auch wirklich knapp war. Da Ulreich aber den Ball verfehlte, meldete sich erneut Videoassistent Markus Schmidt. Und wieder entschied Cortus in der Review-Area recht schnell auf Strafstoß. Hier haben sich wahrscheinlich sowohl Schiedsrichter als auch VA auf die Tatsache konzentriert, ob Ulreich den Ball spielt oder nicht und dabei leider die eigentlich Foulspiel-Bewertung ein bisschen aus den Augen verloren. Denn Ulreich fällt zwar in den Mainzer Burkardt rein, ein richtiges Vergehen von ihm ist aber nicht erkennbar. Somit wäre weiterspielen die deutlich bessere Entscheidung gewesen. Hier hat ein Eingriff des Videoassistenten leider mal zur schlechteren Entscheidung geführt. Dennoch muss Markus Schmidt hier nicht falsch gehandelt haben, denn wir können über die Kommunikation zwischen ihm und Cortus nur spekulieren. [TV-Bilder ab Minute 2:55]

VfB Stuttgart – FC Augsburg 2:1 (SR: Tobias Stieler)

Eine knifflige Handspielszene ereignete sich kurz nach der Pause in Stuttgart, als die Augsburger einen Ball auf den langen Pfosten in den Stuttgarter Strafraum schlugen und dort Petov den Ball wieder ins Zentrum köpfen will. Vor ihm stieg allerdings der Stuttgarter Verteidiger Sosa hoch zum Kopfball und bekam den Ball leicht an den Arm. Das leicht war hier aber gar nicht relevant, denn eine Berührung mit dem Arm bestand zweifelsfrei und dann ist für die Bewertung strafbares Handspiel vor allem die Armhaltung und Bewegung des Spielers entscheidend. Fakt ist hier: Der Arm ist sehr weit ausgefahren, unter Spannung und geht nach hinten in die Richtung des Balles und Gegenspielers. Andererseits sieht Sosa erst spät, wo der Ball genau hinkommt (nach dem Kopfball Petkovs) und die Armhaltung ist grundsätzlich mal nicht unnatürlich, wenn er vor seinem Gegenspieler zum Kopfball hochsteigt.

Eine Szene, die grundsätzlich im Ermessensspielraum des Schiedsrichters liegt. Aufgrund der Armhaltung und Bewegung nach hinten (auch wenn hier die primäre Absicht vermutlich ein Körperkontakt zum Gegenspieler war) wäre Handspiel und Strafstoß für mich die bessere Entscheidung gewesen. Dennoch gibt es hier für mich sowohl Argumente dafür als auch dagegen. Wenn Schiedsrichter Tobias Stieler das Handspiel auf dem Feld korrekt wahrnahm und sich bewusst dagegen entschied, ist es nachvollziehbar, dass sich auch Videoassistent Tobias Welz nicht meldete.  [TV-Bilder ab Minute 4:45]

FC Schalke 04 – SC Freiburg 0:2 (SR: Christian Dingert)

In der 60. Minuten kam es zu einem Kontakt im Schalker Strafraum zwischen dem Freiburger Angreifer Jeong und Calhanoglu, wobei der Freiburger den Ball durch die Beine des Gegenspielers legen wollte. Calhanoglu kam aber mit zu viel Tempo in den Zweikampf und traf den Freiburger am Knie, bevor der Ball seinen Fuß auch leicht berührte. In Echtzeit sehr schwer zu bewerten, ob er hier maßgeblich den Ball spielte und vorher den Gegenspieler traf. In der Summe finde ich Strafstoß eindeutig die bessere Entscheidung, die Dingert nach einem Eingriff des Videoassistenten auch so traf. So macht der VA Sinn! [TV-Bilder ab Minute 3:00]

Fazit: Nach der sehr schlechten vergangenen Woche geht es für die DFB-Schiedsrichter bescheiden weiter. Zwar gab es auch an diesem Wochenende wieder mehr korrekte und absolut sinnvolle Eingriffe des Videoassistenten als falsche. Dennoch überschatten die großen Schnitzer in Frankfurt und München den Spieltag, an dem die DFB-Schiedsrichter in der Öffentlichkeit in schlechtem Licht stehen.

Simon Schmidt

Sportjournalist Simon Schmidt aus Bayern stieg 2020 bei IG Schiedsrichter ein und übernimmt dort die wöchentliche Kolumne zur 1. Bundesliga und den Video-Assistenten. Seither ist er Mitglied des Kompetenzteams. In seiner Freizeit engagiert er sich als Fußball-Schiedsrichter und ist leidenschaftlicher Fußball-, Formel 1- sowie Technik-Fan.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Spfr. Reiner Kühn Blau Weis Lengenfeld unterm Stein ( EIC - UH))

    ich möchte hier auch nicht immer den Schiris die Schuld geben. Sie sehen die Bewegungen nur auf Augenhöhe des Spielfeldes. Die Kamera für die Zuschauer nimmt die Aufnahme viel weiter oben und damit übersichtlicher war. Der Videokeller müsste somit diese Aktionen viel schneller wahrnehmen, denn wenn ich auf Augenhöhe nur 1 Sekunde jemanden vor mir habe, kann ich schon kein korrektes Urteil abgeben. Im Keller dagegen sehen sie die Aufzeichnung von oben und müssten meines Erachtens nach oft viel schneller und korrekter reagieren, denn sie bekommen das bestimmt auch bezahlt. In diesem Sinne “ Sport frei „

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