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Videoassistenten greifen oft und immer noch zu wenig ein

Am zweiten Spieltag der noch jungen Bundesliga-Saison griffen die Videoassistenten oft ein. Dabei in Berlin beispielsweise auch in Situationen, in denen die Feldentscheidung des Schiedsrichters keine klare Fehlentscheidung war. In Freiburg und Bremen fehlten dennoch wieder Eingriffe.

SC Freiburg – Borussia Dortmund 1:3 (SR: Tobias Welz)

Beim Freitagsspiel in Freiburg gab es bereits große Diskussionen um den dritten Treffer der Gäste. Denn beim Schuss von Marius Wolf stand der Dortmunder Jungstar Moukoko im Abseits und wurde recht deutlich aktiv, weil er den Freiburger Schlussmann Flekken anläuft und diesen bei einer möglichen Abwehraktion des Schusses behindert. Diese Abseitsbewertung war viel eindeutiger als die beiden am vergangenen Sonntag. Recht unverständlich, wieso das Team rund um Schiedsrichter Tobias Welz auf dem Platz aus Köln vom VA Günter Perl keine Unterstützung bekam. [TV-Bilder – ab 5:10 Minute]

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SV Werder Bremen – VfB Stuttgart 2:2 (SR: Robert Hartmann)

In Bremen sorgte die gelbe Karte für Sasa Kalajdzic für Aufregung. Denn der Stuttgarter Angreifer verlor gegen seinen Landsmann Friedl den Ball und trat am Boden liegend nach. Schiedsrichter Hartmann entschied sich mit seinem Assistenten Markus Schüller, der direkt dahinter stand, gegen einen Platzverweis und beließ es bei einer gelben Karte für den Stuttgarter. Was in der Spielleitung passte und aufgrund der schnellen Versöhnung der beiden österreichischen Nationalspieler wohl eine Wirkung hatte, ist regeltechnisch höchst diskutabel.

Die geringe Intensität des Tritts und das Trefferbild spielen hier weniger eine Rolle, denn es geht hier nicht um die Bewertung eines groben Foulspiels, sondern um eine Tätlichkeit. Auch wenn der Ball hier nicht weit weg ist und der Tritt im Rahmen des Spielgeschehens passiert, handelt es sich hier um ein klares Nachtreten, was mit einem Feldverweis auf Dauer hätte geahndet werden müssen. Die einzige Intention dieses Tritts am Boden liegend von Kalajdzic war seinen Gegenspieler zu treten und ihn so zu Fall zu bringen, nachdem er den Ball gegen ihn verlor. Hier spricht sehr viel für eine rote Karte und wenig für eine Verwarnung.

Warum hat VAR Sören Storks nicht eingegriffen? Wie immer schwer für uns zu sagen, da wir keinen Einblick in die Kommunikation der Schiedsrichter haben. Eine mögliche Erklärung könnte auf alle Fälle sein, dass sowohl Schiedsrichter Hartmann als auch sein Assistent Schüller die Aktion korrekt und vollständig wahrgenommen haben. Dann kann Videoassistent Storks schon zu der Einschätzung kommen, dass ein On-Field-Review hier wenig bringt. Dennoch macht mit der neuen DFB-Anweisung nicht nur bei klaren Fehlentscheidungen einzugreifen, ein Eingriff und eine rote Karte als finale Entscheidung mehr Sinn. [TV-Bilder – ab 4:35 Minute]

RB Leipzig – 1. FC Köln 2:2 (SR: Benjamin Brand)

Die Leipziger gingen durch Olmo vermeintlich früh in der neunten Minute in Führung. Doch der Videoassistent Felix Zwayer meldete sich beim Schiedsrichter Brand und schickte ihn in die Review-Area. Er hatte ein Handspiel beim Vorlagengeber Raum entdeckt. Anders als der Kommentator in der Sportschau-Zusammenfassung feststellt, handelt es sich hier nicht um ein pauschal strafbares Offensivhandspiel, welches grundsätzlich nach der Regelanpassung zur Saison 2021/22 nur noch beim Torschützen selber vorliegen kann. Hier würde dann auch kein Gang des Schiedsrichters an den Monitor stattfinden. Auch die Tatsache, dass Raum sich dadurch „einen Vorteil verschafft“ ist regeltechnisch irrelevant. Brand musste hier in der Review-Area selber bewerten, ob die beiden Berührungen von Raums linkem Arm mit dem Ball ein strafbares Handspiel darstellen. Der erste Kontakt sicher noch nicht, hier wird er mit dem Arm in einer natürlichen Haltung angeschossen. Doch dann will er offensichtlich mit beiden Armen seinen Gegenspieler nach vorne wegdrücken und spielt dabei so den Ball. Auch wenn hier sicherlich auch eine andere Absicht bestand, ist das aufgrund der deutlichen Bewegung zum Ball als strafbares Handspiel anzusehen. Gut erkannt von Felix Zwayer im Kölner Keller. [TV-Bilder – ab 1:05 Minute]

Schön hier zu erkennen, wie der am besten positionierte vierte Offizielle Max Burda in dieser Szene mitarbeitet.

 

Große Aufregung dann vor der Pause, als Schiedsrichter Brand den aktiven Leipziger Offensivspieler Szoboszlai mit Rot vom Platz stellte. Im Zweikampf mit Kainz hielt ihn der Kölner Spieler zunächst deutlich am Trikot fest, bevor der Leipziger seinen linken Arm und mit dem Ellenbogen zwischen Brust und Hals traf. In der Zusammenfassung ist hier sehr schön zu erkennen, wie der vierte Offizielle Dr. Max Burda hier mitarbeitet. Er stand ziemlich gut auf dem Platz und konnte die Szene mit dem Schiedsrichter selber am besten bewerten. Das Halten von Kainz vorher ist höchstens für die Spielfortsetzung relevant. Bei der Beurteilung der persönlichen Strafe lag das Team Brand richtig, denn der Arm kann hier aufgrund der Spielsituation schon nicht als „Werkzeug“, sondern nur als „Waffe“ eingesetzt werden. Das der Schlag nicht hart und nicht gegen das Gesicht geht, lässt den Feldverweis auf Dauer zwar hart wirken, ändert aber nichts daran, dass es die richtige Entscheidung war.  [TV-Bilder – ab 5:45 Minute]

Hertha BSC – Eintracht Frankfurt 1:1 (SR: Frank Willenborg)

Große Aufregung am Ende der Partie in Berlin! Schiedsrichter Frank Willenborg zeigte auf dem Platz auf den Punkt und gab Strafstoß für die Eintracht, nachdem Borre nach einem Kontakt am beim vom Berliner Schussmann Christensen zu Fall kam. Was im ersten Moment wie ein klarer Strafstoß wirkt, war für Videoassistent Markus Schmidt und Schiedsrichter Willenborg nach ein paar Sekunden doch nicht mehr so eindeutig. Willenborg ging in die Review-Area und schaute sich die Szene ganze zwei Minuten lang am Bildschirm an, bevor er den Strafstoß und die gelbe Karte für den Hertha BSC Torwart zurücknahm.

In dieser Szene muss ich ehrlich sagen, dass der Ermessensspielraum des Schiedsrichters bei der Zweikampfbewertung beide Entscheidungen zulässt. Der Schlussmann von Hertha BSC packt Borre am Bein und hält ihn so kurz, ohne den Ball zu spielen. Diese Tatsache spricht schon erstmal sehr stark für einen Strafstoß. Borre könnte aber auf der anderen Seite einfach weiterlaufen, dass Fallmuster passt wirklich nicht zum Kontakt und so ist zu bezweifeln, ob hier wirklich ein Beinstellen vorlag. Hier ist wirklich kaum zu sagen, was denn die bessere Entscheidung ist. Willenborg erklärte im neuen Schiedsrichter-Format im Sport 1 -Doppelpass „Frag doch mal den Schiri“, dass seine Wahrnehmung auf dem Platz doch von den Bilder abwich, sodass der Eingriff hier besonders mit der neuen DFB-Anweisung mehr einzugreifen, nachvollziehbar ist. Hier müssen wir uns alle wieder von der „klaren Fehlentscheidung“ lösen. [TV-Bilder – ab 7:15 Minute]

FC Schalke 04 – Borussia Mönchengladbach 2:2 (SR: Sven Jablonski)

Auch auf Schalke gab es in der Nachspielzeit eine spielentscheidende Elfmeterszene. Dieses Mal geht es aber ums Handspiel und dieses Mal in die Bewertung auch eindeutiger. Denn der Gladbacher Offensivspieler Herrmann geht im eigenen Strafraum mit nach vorne gestreckter Faust auf Schulterhöhe in einen Kopfball und bekommt den Ball dann an den Arm. Ein Paradebeispiel für eine unnatürliche Vergrößerung der Körperfläche. Die letztliche Entscheidung Strafstoß und Gelb für den Gladbacher ist korrekt, weil die Freistoß-Flanke aufs Tor gegangen wäre.

Bei solchen Szenen in der Schlussphase auf Schalke wird doch deutlich, dass der VAR trotz fehlenden Eingriffen auf anderen Plätzen und Schwierigkeiten bei der Umsetzung der neuen DFB-Anweisung, mit jedem solchen Eingriff eine Verbesserung bringt. Denn auf dem Platz ist hier ganz schwer zu bewerten, ob er den Ball mit dem Arm berührt. [TV-Bilder – ab 5:00 Minute]

Fazit: Wieder einmal machen vor allem die fehlenden Eingriffe der Videoassistenten den Spieltag für die beteiligten DFB-Schiedsrichter in der 1. Bundesliga zu einem sehr durchwachsenen. Die an sich sehr runden Spielleitungen wie beispielsweise von Tobias Welz am Freitag in Freiburg werden halt von relativ klaren womöglich spielentscheidenden Fehlern stark gemindert. Die neue Anweisung der DFB-Führung zu mehr Eingriffen wird aktuell noch nicht von jedem Videoassistenten in Köln gut umgesetzt und das ist ein Problem. So wirken die stattfindenden oder fehlenden Eingriffe sehr wild in der Übersicht.

Simon Schmidt

Sportjournalist Simon Schmidt aus Bayern stieg 2020 bei IG Schiedsrichter ein und übernimmt dort die wöchentliche Kolumne zur 1. Bundesliga und den Video-Assistenten. Seither ist er Mitglied des Kompetenzteams. In seiner Freizeit engagiert er sich als Fußball-Schiedsrichter und ist leidenschaftlicher Fußball-, Formel 1- sowie Technik-Fan.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Holger Roth

    Sehr geehrter Herr Schmidt,

    dass Problem bei dem Video-Beweis ist doch nicht, dass dieser zu wenig angewendet wird, sondern ganz im Gegenteil zu viel bzw. zu willkürlich. Auch das Spiel Freiburg gegen Dortmund kann da nicht als Beispiel dienen. Hier hat der Video-Assistent nicht deswegen nicht eingegriffen, weil er sich nicht zuständig fühlte, sondern weil er das Abseits ebenso schlicht übersehen hat. Der nicht gegebene Elfmeter bei dem Spiel Berlin – Frankfurt ist hingegen die Fortsetzung des ganzen Dilemmas, was die Schiedsirchter bei dem Videobeweis offenbar nicht hinkriegen.
    Herr Willenborg gibt zunächst Elfmeter, es mag sein, dass man beim Betrachten der Zeitlupe zu dem Schluss kommt, dass es eher kein Elfmeter ist. (Nach noch längerem Betrachten bin ich im übrigen eher der Meinung, dass es eher doch ein Elfmeter ist.) Aber ein Elfmeter ist zumindest auch keine vollständig falsche Entscheidung. Die Regel sieht hier ganz klar vor, dass dann der Videobeweis nicht eingreifen darf.
    Punkt.

    Ich verstehe nicht, warum die Schiedsrichterei sich da nicht einfach mal an das Regelwerk halten kann. Genau dass führt zur Willkür des Videobeweises und genau deswegen sind alle damit unzufrieden. Ist klar, dass in einer solchen Situation nicht eingriffen wird, kann man das verstehen. Greift allerdings einmal der Videobeweis ein und das andere Mal nicht, das ist doch dass woher der ganze Unmut über den Videobeweis herkommt.
    Einfach mal an dieser Stelle auch Schiedsrichter die Regeln einhalten.

    Nur Meine Meinung.

  2. Holger Roth

    Soeben hat Herr Aytekin, eingeräumt bzw. sich damit gebrüstet, dass im Eröffnungsspiel auch im Geheimen Szenen gecheckt wurden. Damit das Publikum und Spieler dies nicht mitbekommen, habe er bei einer Ecke einfach mal Spieler ermahnt. Herr Aytekin kommentiert das mit: „Diese Zeitspanne hat mir geholfen, dass – auf gut Deutsch – keine alte Sau gecheckt hat, dass wir etwas überprüfen.“ Nachzulsen im Kicker-Online.
    Mit Transparenz hat das gar nix zu tun. Und mit den Regeln für den VAR auch nicht. Hier wird doch letztlich eingeräumt, dass die Schiedsrichterei beim VAR macht, was sie will. Bei einem solchen Gebaren darf man sich nicht wundern, dass alle mit der VAR-Anwendung unzufrieden sind und die Willkür des Eingriffs einfach nur frustrierend ist. Auch die Schiedsrichter stehen nicht über den Regeln. Von daher mein Apell, sich beim VAR einfach an die Regeln halten.

    Im Übrigen, war Herr Aytekin derjenige der letzte Saison mit einer sehr fragwürdigen gelb-roten Karte wehement Respekt eingefordert hat und eine diesbezüglich riesige Diskussion angleiert hat, um anschließend sein Buch mit gleichem Titel auf den Markt zu bringen. Mit Respekt gegenüber den Spielern und dem Publikum, oder im O-Ton formuliert, „alte Säue“, hat das aber mal gar nix zu tun. Aber warum sollte Respekt auch keine Einbahnstraße sein?

    Nur meine Meinung.

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