Schiedsrichtermangel? Nicht in Altmark-Ost. Während viele Fußballkreise händeringend nach Unparteiischen suchen, hat der Kreis in Sachsen-Anhalt ein beinahe kurioses Luxusproblem: Es gibt mehr Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter, als für den Spielbetrieb benötigt werden. Wie aus einem Nachwuchsproblem eine starke Schiedsrichter-Gemeinschaft wurde – und was andere Kreise davon lernen können.
Während vielerorts händeringend nach Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern gesucht wird, gibt es im Fußballkreis Altmark-Ost ein eher ungewöhnliches Problem: Es sind mehr Unparteiische da, als für den Spielbetrieb benötigt werden. 138 Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter meldeten die Vereine zuletzt – benötigt wurden nach Schiedsrichterordnung lediglich 92.
Das kommt nicht von ungefähr. Der Fußballkreis hat sein Schiedsrichterwesen in den vergangenen zehn Jahren grundlegend verändert. Statt kurzfristiger Werbekampagnen setzten die Verantwortlichen auf etwas, das im Fußball häufig zu kurz kommt: Wertschätzung, Gemeinschaft und persönliche Betreuung.
„Zufriedene Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sind die besten Werbeträger“, sagt Schiedsrichter-Obmann Karsten Fettback. Ein Satz, der in Altmark-Ost offenbar nicht nur gut klingt, sondern funktioniert.
Schiedsrichter sein heißt: dazugehören
Regelmäßige Treffen, Fortbildungen, gemeinsame Aktivitäten, Weihnachtsfeiern und vor allem der persönliche Austausch sollen dafür sorgen, dass aus einzelnen Unparteiischen eine Gemeinschaft entsteht.
Dabei geht es längst nicht nur um die 90 Minuten auf dem Platz. Die Verantwortlichen wollen vermitteln: Schiedsrichter sind kein notwendiges Übel, sondern ein wichtiger Teil des Fußballs.
Genau diese Wertschätzung habe vielen Unparteiischen früher gefehlt, erklärt Kreisvorsitzender Michael Müller. Also wurde genau dort angesetzt.
Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Bereits 2018 waren 20 Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter mehr aktiv als noch 2016. Heute ist der Überschuss so groß, dass selbst in den unteren Spielklassen regelmäßig komplette Gespanne eingesetzt werden können.
Nachwuchs gewinnen – und nicht wieder verlieren
Doch Altmark-Ost hat verstanden: Neue Schiedsrichter zu gewinnen, ist nur die halbe Miete. Entscheidend ist, sie auch zu halten.
Gerade die ersten Einsätze können für Nachwuchsschiedsrichter prägend sein. Unsicherheit, Kritik von außen und schwierige Situationen können schnell dafür sorgen, dass die anfängliche Begeisterung verloren geht.
Deshalb setzt der Fußballkreis auf Patinnen und Paten. Erfahrene Schiedsrichter begleiten die Neulinge, stehen bei Fragen zur Verfügung und helfen dabei, die ersten Erfahrungen auf dem Platz einzuordnen.
Ein Konzept, das Sicherheit gibt – und gleichzeitig zeigt, dass Fehler zum Lernen dazugehören.
„Da lernen Generationen voneinander“
Besonders schön ist ein weiterer Aspekt: Die Schiedsrichterei verbindet in Altmark-Ost Generationen.
„Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn ein 52-Jähriger zwei 16-Jährige zu ihren Einsätzen mitnimmt“, erzählt Müller. „Da lernen Generationen voneinander.“
Genau dieses Miteinander scheint einer der Schlüssel des Erfolgs zu sein. Auch wer aufgrund von Beruf, Familie oder einem Umzug pausieren muss, soll später problemlos zurückkehren können.
Die Tür bleibt offen.
Fazit
Altmark-Ost hat kein geheimes Regelwerk und auch keine Wunderwaffe erfunden. Der Erfolg basiert auf einer einfachen Erkenntnis: Wer Menschen für ein Ehrenamt gewinnen möchte, muss ihnen zeigen, dass ihre Arbeit etwas wert ist.
Wertschätzung, Gemeinschaft, Begleitung und ein offenes Ohr – eigentlich keine revolutionären Ideen. Aber offenbar genau die richtigen.
Während andere Fußballkreise überlegen, wie sie neue Schiedsrichter gewinnen können, zeigt Altmark-Ost, wie man sie begeistert, begleitet und langfristig hält.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis: Zufriedene Schiedsrichter sind tatsächlich die besten Werbeträger.
Das Erfolgsrezept aus Altmark-Ost
🏆 Wertschätzung
Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sollen spüren, dass ihre Arbeit wichtig ist und sie zum Fußball dazugehören.
🤝 Gemeinschaft
Regelmäßige Treffen, Fortbildungen und gemeinsame Aktivitäten stärken den Zusammenhalt unter den Unparteiischen.
🧑🏫 Patensystem
Neue Schiedsrichter werden bei ihren ersten Einsätzen von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen begleitet.
🔄 Rückkehr ermöglichen
Wer wegen Beruf, Familie oder Umzug pausieren muss, soll später unkompliziert wieder einsteigen können.
📣 Zufriedene Schiris werben neue Schiris
Der vielleicht wichtigste Punkt: Wer sich im Amt wohlfühlt, erzählt auch anderen davon – und wird damit selbst zum besten Werbeträger.
