Der 18. August führte mich erneut zum DFB-Campus nach Frankfurt am Main. Die jährliche Medienschulung des Deutschen Fußball-Bundes gehört für mich inzwischen zu den festen Terminen im Kalender. Wer regelmäßig über Fußball berichtet, sollte bei den Regeln nicht nur auf dem aktuellen Stand sein, sondern auch verstehen, wie Entscheidungen auf dem Spielfeld zustande kommen und welche Vorgaben für Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter gelten.
Von: Claus-Rüdiger Gahr
Erhöhung der Nettospielzeit

Den Auftakt bildete ein Thema, das immer wieder für Diskussionen sorgt: die tatsächliche Nettospielzeit. In der vergangenen Saison lag diese bei rund 58 Minuten und damit bereits relativ nah an den angestrebten 60 Minuten.
Bemerkenswert ist dabei, dass die teilweise deutlich längeren Nachspielzeiten nicht automatisch zu einer Erhöhung der Nettospielzeit geführt haben. Mehr Minuten auf der Uhr bedeuten also nicht zwangsläufig mehr effektive Spielzeit. Gerade deshalb lohnt sich ein genauer Blick darauf, wo und warum Spielzeit verloren geht und welche Maßnahmen tatsächlich zu einer höheren Nettospielzeit beitragen können.
Behandlung auf dem Spielfeld
Eine weitere wichtige Neuerung betrifft die Behandlung von Spielern auf dem Spielfeld. Wird ein Spieler auf dem Spielfeld behandelt oder untersucht beziehungsweise führt eine Verletzung zu einer Spielunterbrechung, muss er das Spielfeld verlassen. Nach der Spielfortsetzung darf er erst nach Freigabe durch die Schiedsrichterin oder den Schiedsrichter zurückkehren und muss zunächst eine Minute außerhalb des Spielfelds bleiben.
Entscheidend ist dabei die genaue Abgrenzung: Nicht jede Verletzung führt automatisch zu dieser Konsequenz. Maßgeblich ist vielmehr, ob der Spieler auf dem Spielfeld behandelt oder untersucht wurde oder seine Verletzung eine Spielunterbrechung verursacht hat. Die vorgeschriebene Wartezeit beginnt erst mit der Spielfortsetzung. Dadurch kann ein Spieler am Ende auch länger als eine Minute außerhalb des Feldes bleiben, wenn sich beispielsweise die nächste Unterbrechung entsprechend verzögert.
Einwurf und Abstoß

Für Einwürfe und Abstöße gelten ebenfalls neue Vorgaben. Stellt die Schiedsrichterin oder der Schiedsrichter fest, dass die Ausführung absichtlich verzögert wird, kann ein Fünf-Sekunden-Countdown gestartet werden. Dieser wird sichtbar mit der Hand angezeigt. Wird die Spielfortsetzung innerhalb dieser fünf Sekunden nicht ausgeführt, wechselt sie zur gegnerischen Mannschaft. Beim Einwurf erhält der Gegner den Einwurf, bei einem verzögerten Abstoß gibt es einen Eckstoß für die gegnerische Mannschaft.
In der praktischen Anwendung kommt es allerdings auf die genaue Bewertung der Situation an. Nicht jede Überschreitung der fünf Sekunden führt automatisch zu einer Sanktion. Entscheidend ist, ob eine bewusste Verzögerung vorliegt. Der Countdown kann beispielsweise auch beginnen, wenn ein Spieler den Ball bewusst langsam holt, beim Einwurf absichtlich eine falsche Position einnimmt oder den Ball beim Abstoß falsch platziert.
Gerade bei Einwürfen kann das eine Rolle spielen, wenn eine Mannschaft einen bestimmten Spieler für diese Aufgabe vorgesehen hat und dieser beispielsweise aus der Nähe des eigenen Strafraums erst eine größere Distanz zurücklegen muss. Entscheidend bleibt deshalb, ob der Spieler bewusst Zeit gewinnen möchte oder ob die Verzögerung aus der Spielsituation heraus entsteht.
Spielerverwechslung und VAR-Eingriff
Besonders interessant war der Blick auf die Erweiterung des VAR-Protokolls. Seit der Saison 2026/27 kann der Videoassistent unter anderem eingreifen, wenn eine zweite Verwarnung eindeutig falsch war und daraus ein Feldverweis resultiert. Ebenfalls überprüfbar sind Fälle einer Spielerverwechslung, wenn einem Spieler eine Gelbe oder Rote Karte für ein Vergehen gezeigt wurde, das tatsächlich von einem anderen Spieler begangen wurde.
Damit wird eine bislang bestehende Lücke geschlossen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Fall Atakan Karazor und Maximilian Arnold aus dem Jahr 2024. Karazor wurde damals fälschlicherweise mit Gelb-Rot des Feldes verwiesen, obwohl nicht er, sondern Arnold das Foul begangen hatte. Der VAR durfte in dieser Situation seinerzeit noch nicht eingreifen. Das DFB-Sportgericht hob den Feldverweis später auf.
Interessant ist dabei auch die Abgrenzung zur ersten Gelben Karte. Eine normale Verwarnung bleibt grundsätzlich außerhalb des VAR-Protokolls. Die neue Regel betrifft insbesondere die eindeutig falsche zweite Verwarnung, die unmittelbar zum Feldverweis führt.
Kapitänsregel
Nicht nur technische Regeländerungen standen im Mittelpunkt der Schulung. Auch der Umgang miteinander auf dem Spielfeld soll wieder stärker in den Fokus rücken. Dabei geht es insbesondere um die bereits eingeführte Kapitänsregel.
Die Vorgabe ist klar: Diskussionen mit der Schiedsrichterin oder dem Schiedsrichter sollen grundsätzlich über die Kapitänin oder den Kapitän geführt werden. Die Verantwortlichen wollen hier künftig wieder konsequenter auf die Einhaltung achten. Vorkommnisse, wie wir sie bei der Weltmeisterschaft der Männer gesehen haben, möchte man in den deutschen Stadien nicht erleben.
Damit verbindet sich auch eine klare Botschaft an alle Beteiligten: Respekt gegenüber den Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern ist keine freiwillige Ergänzung des Regelwerks, sondern Bestandteil des Spiels.


