Der Videobeweis steht erneut im Mittelpunkt der Kritik. Fanszenen wollen am Wochenende gegen den VAR protestieren und fordern seine Abschaffung. Gleichzeitig soll der Videoassistent im DFB-Pokal künftig sogar früher zum Einsatz kommen. Das wirft eine durchaus unbequeme Frage auf: Wollen wir tatsächlich zurück zu einem Fußball ohne VAR – oder brauchen wir vielmehr einen anderen Umgang mit ihm?
Der Protest gegen den Video Assistant Referee (VAR) im deutschen Profifußball nimmt Fahrt auf. Fanszenen verschiedener Vereine wollen bei den anstehenden DFB-Pokalspielen demonstrieren und fordern die Abschaffung des Videobeweises. Unterstützung bekommen sie dabei sogar aus der Bundesliga. Augsburgs Geschäftsführer Michael Ströll kann die Kritik der Fans nachvollziehen und sieht den ursprünglichen Gedanken des VAR in der Praxis als gescheitert an.
Die Kritik ist nachvollziehbar. Der VAR sorgt für lange Unterbrechungen, neue Diskussionen und mitunter für Entscheidungen, die selbst nach mehreren Zeitlupen nicht eindeutig wirken. Doch genau hier setzt inzwischen ein Umdenken ein. DFB-Schiedsrichterchef Knut Kircher hat sich für eine Rückbesinnung auf den ursprünglichen VAR-Gedanken ausgesprochen: Eingreifen soll der Videoassistent nur noch bei klaren und offensichtlichen Fehlentscheidungen. Auch die UEFA verfolgt einen ähnlichen Ansatz und will die Zahl der Eingriffe reduzieren. Entscheidungen sollen möglichst schnell getroffen werden – im Idealfall innerhalb von 60 bis 90 Sekunden und anhand weniger, wirklich relevanter Bilder.
Das wäre ein anderer Ansatz als der VAR, den wir in den vergangenen Jahren häufig erlebt haben. Der Videoassistent soll nicht jede strittige Szene aus sämtlichen Kameraperspektiven neu bewerten. Er soll dem Schiedsrichter lediglich dann helfen, wenn auf dem Platz etwas klar und offensichtlich falsch entschieden wurde.
Doch bei aller berechtigten Kritik stellt sich eine andere Frage: Was wollen wir eigentlich ohne VAR?
Gerade der DFB-Pokal hat gezeigt, dass diese Frage nicht so einfach zu beantworten ist. In der vergangenen Saison sorgten in den ersten Pokalrunden mehrere teils eklatante Fehlentscheidungen für große Aufregung. Damals wurde vielfach gefragt, warum es in diesen Spielen keinen VAR gibt und warum offensichtliche Fehler nicht korrigiert werden können.
Jetzt hat sich die Situation verändert. Der DFB weitet den Einsatz des Videobeweises aus. Ab der zweiten Pokalrunde soll der VAR künftig zum Einsatz kommen – und ausgerechnet jetzt formiert sich der Protest gegen das Instrument.
Das ist auf den ersten Blick widersprüchlich. Allerdings kann beides gleichzeitig richtig sein: Man kann sich über eine Fehlentscheidung ohne VAR ärgern und trotzdem mit der heutigen Form des Videobeweises unzufrieden sein.
Denn genau darin liegt das eigentliche Problem. Der VAR ist nicht daran gescheitert, dass die Idee grundsätzlich falsch war. Er ist dort problematisch geworden, wo aus einem Hilfsmittel zur Korrektur klarer und offensichtlicher Fehler ein zweites Entscheidungssystem entstanden ist.
Der ursprüngliche Gedanke war eigentlich simpel: Der Schiedsrichter entscheidet auf dem Platz. Nur wenn eine klare und offensichtliche Fehlentscheidung vorliegt, soll der VAR eingreifen. Inzwischen erleben wir dagegen immer wieder minutenlange Diskussionen über Handspiel, Strafstoß, Abseits oder persönliche Strafen. Entscheidungen werden aus immer neuen Kameraperspektiven betrachtet, bis irgendwo eine andere Interpretation möglich erscheint.
Damit verliert der VAR genau das, was er eigentlich schaffen sollte: Klarheit.
Die Konsequenz kann deshalb aber nicht automatisch lauten, den Videobeweis wieder abzuschaffen. Denn auch der Fußball ohne VAR hatte seine Probleme. Eine klare Fehlentscheidung bleibt auch dann eine klare Fehlentscheidung, wenn sie millionenfach im Fernsehen zu sehen ist.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht „VAR – ja oder nein?“, sondern: Wie muss der VAR eingesetzt werden, damit er seinen ursprünglichen Zweck erfüllt?
Weniger Eingriffe. Klare Eingriffsschwellen. Einheitliche Auslegung. Schnelle Entscheidungen. Und vor allem: mehr Vertrauen in die Entscheidung des Schiedsrichters auf dem Platz.
Vielleicht brauchen wir also keinen Fußball ohne VAR. Vielleicht brauchen wir einen VAR, der wieder weiß, wann er gebraucht wird – und wann nicht.
Denn eines sollte der Videobeweis niemals sein: der zweite Schiedsrichter auf dem Platz.
