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Deutscher EM-Traum platzt in Wembley

Die Deutsche Frauen-Nationalmannschaft verliert das EM-Finale im Londoner Wembley-Stadion mit 2:1 nach Verlängerung. Durch den Treffer von Toone (62.) gelang die Elf von Nationaltrainerin Voss-Tecklenburg zunächst im Finale in Rückstand. Lina Magull (79.) machte für die Deutschen den Ausgleich, sodass es in die Verlängerung ging. Dort kassierten die DFB-Frauen durch Kelly einen ganz bitteren Gegentreffer, der die Niederlage nach 120 Minuten bedeutete. Die ukrainische Schiedsrichterin Kateryna Monzul behielt nur mit viel Mühe die Kontrolle über ein körperbetontes Finale.

Die starke ukrainische Schiedsrichrichterin Kateryna Monzul leitet das Endspiel in Wembley. Eine mehr als verdiente Auszeichnung für sehr starke Leistungen in einer sicherlich nicht einfachen Zeit für eine ukrainische Staatsbürgerin. Maryna Striletska und Paulina Baranowska assistierten ihr an den Linien. Die starke Französin Stephanie Frappart bekam die Ansetzung als vierter Offizielle. Paolo Valeri und Pol van Boekel waren die zuständigen Videoassistenten im Videowagen am Stadion.

Die Partie war von Beginn an sehr zerfahren. Wenig Tempo und viele schnelle Ballverluste prägten die Anfangsphase. Nach den ersten Torchancen auf beiden Seiten zog Monzul nach zwanzig Minuten direkt zwei gelbe Karten für die Engländerinnen. Stanway und White sahen jeweils für ihre taktischen bzw. rücksichtslosen Foulspiele die Verwarnung. Die Schiedsrichterin hatte auch von Anfang an etwas Mühe mit der Partie, tat sich schwer eine einheitliche Linie bei der Zweikampfbewertung zu finden. Chaos dann in der 26. Minute im Strafraum der Engländer! Nach Ping-Pong-Fußball konnte sich die englische Torhüterin den Ball schnappen und unter sich begraben. Doch war da ein Handspiel? Ja, mindestens einmal war deutlich zu erkennen, dass Williamson den Ball an den ausgestreckten Oberarm bekam.

Doch war es wirklich ein strafbares Handspiel? Schwer zu bewerten. Denn hier prallt der Ball vollkommend unerwartet vom eigenen Körper bzw. dem einer Mitspielerin ab. Sie zieht den Arm zunächst hoch und dann wieder leicht zurück. Die Armhaltung ist auf der anderen Seite vom Körper abgestreckt, ob eine derartige Armhaltung natürlich ist, ist in jedem Fall stark zu bezweifeln. Ob der Ball aufs oder gar ins Tor gegangen wäre, spielt erstmal bei der Bewertung strafbares Handspiel oder nicht keine Rolle (sondern würde erst später die persönliche Strafe ausmachen). Von einer Absicht kann hier aber sicher nicht gesprochen werden. Auch nach der neuen Regelung gilt immer noch der Grundsatz, dass in der Regel kein Handspiel vorliegt, wenn der Ball unmittelbar vom eigenen Körper oder dem Körper eines Mitspielers an den Arm springt. Dennoch geht meine Tendenz wegen der Vergrößerung der Körperfläche durch eine unnatürlich Armhaltung zu einem Strafstoß. Aber sicherlich eine schwere Entscheidung! VAR Paolo Valeri checkte die Situation und griff aber nicht ein. Vermutlich auch weil die verfügbaren TV-Bilder sich stark in Grenzen hielten. Ein Eingriff wäre hier in jedem Fall gut gewesen, weil die seitliche Perspektive das Handspiel ausreichend auflöst und Monzul das sicher nicht klar am Platz in dem Chaos vor dem Tor wahrgenommen hat. Die erste gelbe Karte für die Deutschen gab es in der 41. Minute. Rauch sprang in den Rücken von Mead und erwischte sie dabei mit dem Ellbogen, die Verwarnung war eine nachvollziehbare Entscheidung.

In der zweiten Halbzeit tat sich in der Offensive auf beiden Seiten ein bisschen mehr. Die Deutschen hatten direkt in der 48. und 50. Minute zwei große Chancen, als Waßmuth und Pieke im gegnerischen Strafraum zum Abschluss kamen. Der Schuss ersterer war viel zu unplatziert und Pieke verfehlte mit dem Spitz das Tor links um ein paar Meter. In der 57. Minute sah Oberdorf für das Unterbinden eines aussichtsreichen Angriffs zunächst zurecht Gelb, bevor Schüller eine überzogene Verwarnung sah, weil sie die englische Torhüterin in der Bewegung leicht an rechten Knie traf. Das war sicher keine Absicht und absolut in der Spielsituation. Dann das erste Tor nach einer guten Stunde! Die Engländerinnen schickten aus der eigenen Hälfte Toone, die über die deutsche Torhüterin Frohm zum 1:0 einlupfte. Doch die Deutschen bewiesen wie so oft in diesem Turnier Mentalität und so schoss Lina Magull in der 79. Minute zum 1:1 ein. Die Nationalspielerin wurde von Waßmuth am gegnerischen Torraum angespielt und schoss den Ball unhaltbar ins englische Gehäuse. Beim 1:1 blieb es auch nach drei Minuten Nachspielzeit und so ging es in die Verlängerung.

In der hielten sich beide Teams zunächst zurück. In den ersten 15 Minuten gab es keine nennenswerten Chancen, die einzige relevante Aktion war die gelbe Karte für Russo, die zweifelsfrei korrekt war. In der 111. Minute dann der große Schock für die Deutschen! Nach einem Eckball sind sich eine deutsche Abwehrspielerin und die Torhüterin Frohm beim Klärungsversuch von Kellys ersten Schuss nicht einig, sodass die Engländerin im zweiten Versuch zum entscheidenden 2:1 einschießen konnte. Ein aus deutscher Sicht mehr als vermeidbarer Gegentreffer. Die Engländerin Kelly sah für das Trikotausziehen im Anschluss die gelbe Karte. Sie fiel gegen Ende der Verlängerung auch noch mit weiteren Unsportlichkeiten wie Ballwegschießen usw. auf. Hier griff die Schiedsrichterin leider nicht mehr wirklich durch. Auch die Nachspielzeit von zwei Minuten eher knapp bemessen. Am Ende blieb es beim glücklichen 2:1 Erfolg der Engländerinnen, die Europameister 2022 sind.

Fazit: Eine noch ausreichende Leistung von Monzul, die ein körperbetontes und zeitweise nicht einfach zu leitendes EM-Finale bis zum Ende der Verlängerung rumbrachte. Auch wenn die meisten Entscheidungen passten, waren im Schiedsrichterinnengespann einige Mängel vor allem bei der Ausball und Zweikampfbewertung sichtbar. Bei vielen Einwürfen hätte es schon gereicht die Spielerinnenreaktionen abzuwarten. Gleiches beim ein oder anderen sehr spät nachgepfiffenen Freistoß, den auf dem Platz eigentlich gar keiner mehr haben wollte. Beim Handspiel in der 26. Minute ist ihr auf dem Platz kein Vorwurf zu machen. Hier wäre ein VAR-Eingriff erforderlich gewesen. Valeri hat sie da aber leider im Stich gelassen.

Simon Schmidt

Sportjournalist Simon Schmidt aus Bayern stieg 2020 bei IG Schiedsrichter ein und übernimmt dort die wöchentliche Kolumne zur 1. Bundesliga und den Video-Assistenten. Seither ist er Mitglied des Kompetenzteams. In seiner Freizeit engagiert er sich als Fußball-Schiedsrichter und ist leidenschaftlicher Fußball-, Formel 1- sowie Technik-Fan.

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. James

    Schlechte Leistung mit vielen unnötigen und einem gravierenden Fehler. Warum die beste Schiedsrichterin der Welt 4. Offizielle ist und nicht das Finale pfeift, weiß auch wieder nur die UEFA

  2. Wolfgang Plonner

    Hier wird wieder einmal alles als gut angesehen. Mit nur kleinen Fehlern. Dabei wurde, gefühlt jede zweite Einwurfentscheidung in die falsche Richtung gefällt. Die Elfmeter Nichtentscheidung wird von der seitlichen Einstellungen wiederlegt. Aber solange die Schiedsrichter den VAR als Gängelung betrachten. Und ihn so auch ausüben. Wird der Fußball nie gerechter. Nur die Schiedsrichter können daß ändern

      1. Wolfgang Plonner

        Genau deshalb ist der VAR nutzlos. Weil die Spitze der Schiedsrichter dagegen ist. Wenn ich hier keinen Elfmeter sehe. Und das die richtige Entscheidung ist werden in den deutschen Profiligen jede Woche falsche Elfmeter gegeben. Hier ist die Arm über Schulterhöhe und vom Körper abgespreitzt. Zudem bewegt der Arm sich Richtung Ball. Was muss noch eintreffen um Elfmeter zu geben.

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