Schiedsrichter, Spieler, Trainer und Fans müssen sich für die Fußball-WM auf einige regeltechnische Neuerungen einstellen. Der Internationale Fußballverband (FIFA) hat drei weitere Eingriffssituationen des VAR sowie Maßnahmen zur Verringerung von Spielverzögerungen eingeführt. Die vom International Football Association Board (IFAB), dem für Regeln zuständigen Gremium, beschlossenen Maßnahmen gelten ab 1. Juli weltweit. Anschauungsunterricht gibt es davor auf der größten Bühne.
Der VAR darf den Schiedsrichter bei einer eindeutig falschen zweiten Gelben Karte unterstützen, bei einem eindeutig zu Unrecht ausgesprochenen Eckball und bei einer Spielerverwechslung, die zu einer Gelben oder Roten Karte geführt hat. Dass der VAR dadurch viel öfter als bisher eingreifen wird, glaubt der Technische Direktor für Schiedsrichter im ÖFB, Viktor Kassai, nicht.
„Diese VAR-Neuheiten wird es nicht jeden Tag oder jeden zweiten Tag geben. Eine Gelbe Karte an den falschen Spieler passiert meiner Einschätzung nach einmal pro tausend Spielen. Eine ganz klare Fehlentscheidung bei Eckball kann passieren, aber auch selten. Und eine falsche Gelbe Karte ist nicht typisch auf Topniveau. Eine zweite Gelbe Karte, die ganz falsch ist, das wird es in meinen Augen nicht öfter als dreimal geben“, sagte Kassai.
Beschleunigung bei Spielunterbrechungen
Zu viele VAR-Eingriffe würden gegen die Intention der FIFA sprechen, den Spielfluss zu beschleunigen. Einwürfe, Abstöße und Auswechslungen sollen bei der WM rascher vollzogen werden. Dauert ein Einwurf nach Ansicht des Schiedsrichters zu lange, zeigt er einen Fünfsekundencountdown an. Ist der Ball nach Ablauf nicht im Spiel, wird der Einwurf dem gegnerischen Team zugesprochen.
Bei einem Abstoß, der nicht rasch genug ausgeführt wird, erhält die gegnerische Mannschaft einen Eckball. Auch den betont langsamen Abgang eines Spielers, der ausgewechselt wird, will man nicht mehr sehen. Er muss innerhalb von zehn Sekunden das Feld verlassen, sonst darf der Einwechselspieler erst nach der ersten Unterbrechung nach Ablauf einer Minute auf das Feld. Nach Behandlung auf dem Spielfeld aufgrund einer Verletzung muss der Spieler das Feld verlassen und darf erst eine Minute nach Spielfortsetzung zurück.
Kassai als Befürworter der Maßnahmen
„Ich bin froh, dass wir diese Motivation von der FIFA haben“, sagte Kassai, der die Maßnahmen befürwortet. In der Champions League gäbe es „nur etwa 55 Minuten Nettospielzeit. Wenn eine Mannschaft vorne ist, wird manchmal kein Fußball mehr gespielt, nur gewartet, dass die Uhr 90 Minuten anzeigt“.
Dass die neuen Regeln ausgerechnet beim größten Turnier erstmals großflächig zur Anwendung kommen und erst am 1. Juli in allen Ländern und Ligen eingeführt werden, ist für den ehemaligen Spitzenschiedsrichter kein Problem. Die WM mit den 104 Spielen „schaut jeder. Das ist eine Bewerbung, ich glaube, das macht Sinn. Ja, das ist schwierig für Spieler und Schiedsrichter, aber sie bekommen Trainings und Schulungen. Ich glaube, es ist wesentlich einfacher, 48 Mannschaften und die Schiedsrichter einzuschulen, was am 1. Juli kommt, als Millionen oder Milliarden.“
Es ist Unterricht auf höchstem Niveau. „Jeder in der Welt wartet, wie das bei der WM ankommt. Wir können davon lernen“, sagte der Ungar. Während auf Profiniveau mit einem ganzen Schiedsrichterteam, technologischer und VAR-Unterstützung die Umsetzung bald ziemlich problemlos funktionieren könnte, wird es für Unparteiische in den Amateurklassen wohl um einiges schwieriger.
Einheitlichkeit als Herausforderung
In Nordamerika nehmen die 52 WM-Schiedsrichter, 88 Schiedsrichterassistenten und 30 Videooffizielle bereits seit 31. Mai an einem zehntägigen Vorbereitungscamp in Miami teil, um sich darauf einzustellen. Die Schiedsrichter bleiben in Florida, die VAR-Offiziellen ziehen danach nach Dallas um, wo sich das internationale Sendezentrum befindet. Die Referees kommen aus 50 Ländern und allen Kontinenten, was eine spezielle Herausforderung bringt.
„Einheitlichkeit zu erlangen, ist das Schwierigste im Schiedsrichterwesen. Einige Schiedsrichter kommen aus Südamerika, einige aus Afrika, die Qualität des Fußballs, Qualität des Schiedsrichterwesens und der Schulungen ist ganz anders“, meinte Kassai. „Am Samstag wird ein Elfmeter gegeben wegen Handspiels, und fast die gleiche Situation wird am Sonntag anders beurteilt. Dann hast du die Diskussion.“
WM bringt Schiedsrichter eigenen Status
Vorbereitet werden die Unparteiischen nicht nur durch Schulungen in den vergangenen Monaten, sondern auch konkret auf jede Partie, bei der sie zum Einsatz kommen. Spielanalysten stellen Informationen zusammen, wie die Charakteristik einer Mannschaft ist. „Vor jedem Spiel gibt es eine Stunde lang eine Besprechung. Wie sieht die Positionierung bei Flanken oder Eckbällen aus? Spielen sie mit einer Dreier- oder Viererkette? Gibt es hohes Pressing? Gibt es Spielertypen, die mehr Fouls machen?“, zählte Kassai auf.
Der 50-Jährige weiß aus eigener Erfahrung, was auf Referees wartet und kann mitfühlen. Der Ungar kam bei der WM 2010 viermal zum Einsatz und pfiff sogar ein Halbfinale. „Die waren erfolgreich und ganz positiv“, sagte Kassai, der das Turnier in Südafrika als seinen Höhepunkt betrachtet. „Eine WM bringt im Schiedsrichterwesen einen eigenen Status. Jeder, der bei der WM war, kann sagen: Ich habe was erreicht. Man muss nicht das Finale pfeifen, schon wenn du dabei bist, bringt das einen Status bis zum Ende deiner Karriere“, sagte er.
