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Aufreger über Aufreger am elften Spieltag

Gleich mehrere Partien über das gesamte Wochenende hinweg forderten die DFB-Schiedsrichter. Ungewohnt früh mussten sie bereits absolut spielentscheidende Zweikämpfe und ein Handspiel beurteilen. Es ging jeweils um die härteste Spielstrafe Strafstoß und die härteste persönliche Strafe der roten Karte. Insgesamt gab es viel Aufregung, auch weil die Unparteiischen leider oftmals trotz VAR mit ihren Entscheidungen daneben lagen.

1. FSV Mainz 05 – 1. FC Köln 5:0 (SR: Dr. Matthias Jöllenbeck)

Die Aufregung am Freitagabend entstand schon nach zehn Minuten, als Jöllenbeck nach einem Zweikampf zwischen dem Kölner Verteidiger Kilian und dem Mainzer Angreifer Onisiwo auf den Punkt zeigte. In dieser Szene ist das eigentliche Foulspiel eindeutig, lediglich über die Farbe der Karte gab es im Anschluss Diskussionen. Denn der Kölner Verteidiger nimmt seinem Gegenspieler durch das Foulspiel eine klare Torchance. Onisiwo hat in dieser Situation die volle Ballkontrolle und zieht mit viel Tempo auf das gegnerische Tor zu. Es hätte auch sicher kein anderer Kölner Spieler eingreifen können. Die Verhinderung einer klaren Torchance im eigenen Strafraum kann mit Gelb oder Rot geahndet werden, je nachdem ob ein ball- oder gegnerorientiertes Vergehen vorliegt. Auch diese Bewertung ist hier eigentlich eindeutig. Kilian geht nicht mit dem Fuß zum Ball, er hält seinen Gegenspieler erst oben an der Schulter und kreuzt ihn anschließend mit seinen Beinen, ohne dabei eine explizite Bewegung in Richtung des Balles zu machen. Es liegt folglich hier ein gegnerorientiertes Vergehen vor, was mit einem Feldverweis auf Dauer zu ahnden gewesen wäre. [TV-Bilder ab Minuten 0:49]

Diskussionen gab es auch nach der Strafstoß-Ausführung. Denn der Torschütze Ingvartsen berührte wohl den Ball minimal mit seinem rechten Standbein, bevor er den Strafstoß mit links verwandelte. Eine doppelte Berührung des Balles, die unzulässig und mit einem indirekten Freistoß zu ahnden ist. In der Totalen ganz schwer zu erkennen. Nur die Draufsicht von hinten offenbart den sehr leichten Kontakt mit dem Standbein. Vermutlich deshalb ist hier kein Eingriff von VA Tobias Welz aus Köln erfolgt.

Kilian flog 18 Minuten später eh aufgrund der Verhinderung eines aussichtsreichen Angriffs mit Gelb-Rot vom Platz. Die Kölner Proteste im Anschluss wirken fast lächerlich, wenn man bedenkt, dass Jöllenbeck Kilian eigentlich 18 Minuten „geschenkt“ hat.

Bayer 04 Leverkusen – VfL Wolfsburg 2:2 (SR: Dr. Felix Brych)

Gleich zwei diskutable Elfmeterentscheidungen traf Dr. Felix Brych am Samstagnachmittag in Leverkusen. Komplex wurde es für den Münchner Juristen direkt in der achten Minute, als eine Hereingabe von Diaby in den Wolfsburger Strafraum von Micky van de Ven mit dem rechten Arm aufgehalten wurde. Der Wolfsburger grätschte dabei in den Zweikampf und blockte den Ball mit dem früher bezeichneten „Stützarm“. Ein Handspiel ist bekanntlich aktuell nach zwei Kriterien zu bewerten. Der erkennbaren Absicht, den mit der Hand oder dem Arm spielen zu wollen oder einer erkennbaren Vergrößerung der Körperfläche durch eine unnatürliche Armhaltung. Letztere Bedingung ist in dieser Szene entscheidend. Denn van de Ven vergrößerte zwar mit seinem rechten Arm in der Situation die Körperfläche, die Armhaltung ist aber für eine Grätsche nicht unnatürlich. Der Arm ist zunächst weiter draußen, wird dann zum Körper hingezogen. Er ist zum Zeitpunkt des Handspiels unten und dient dem „Abstützen“ vom Boden. Eine ganz natürliche Armhaltung in der Grätsche.

Brych nahm laut VA-Projektleiter Drees auf dem Feld wahr, dass der Arm sehr weit vom Körper abgespreizt gewesen sei, was die Videobilder nicht hergeben. Deshalb empfahl FIFA-Schiedsrichter Tobias Stieler als Videoassistent ein On-Field-Review. Brych ging zum Monitor und blieb aber bei seiner Entscheidung. Die expliziten Gründe sind unklar. Weder Brych selber noch Drees nannten da konkretere Details. Die Handspielregel gibt leider immer noch einen recht großen Ermessensspielraum und dadurch oftmals schwer zu bewertende Szenen her. In diesem Fall muss ich aber feststellen, dass weiterspielen klar die bessere Entscheidung ist. Der Strafstoß für Leverkusen hätte nach dem Review von Schiedsrichter Brych zurückgenommen werden müssen. Nichtsdestotrotz war dieser Elfmeter noch nicht spielentscheidend, denn Diaby scheiterte vom Punkt und schoss am Tor vorbei. [TV-Bilder ab Minute 0:00]

Anders in der 54. Minute, als Maximilian Arnold einen weiteren von Brych verhängten Strafstoß zu Gunsten der Wolfsburger zum 1:2-Anschlusstreffer verwandelte. Im Vorfeld kam es zu einem Zweikampf zwischen Tapsoba und Nmecha. Der Wolfsburger ist dabei der ballführende Spieler, geht aber mit seinem linken Fuß beim sehr langen Schritt nicht genau zum Ball, sondern tritt leicht links daneben auf den Fuß von Tapsoba, der gerade seitlich reingrätschte und mit seinem linken Fuß wohl durch den Kontakt mit Nmecha den Ball nicht traf. Es geht hier folglich darum, wer von getroffen hat. Denn so eindeutig wie der Sportschau-Kommentar suggeriert ist dieser Zweikampf sicher nicht. Denn Nmecha spielt hier nicht den Ball, weil er links leicht neben den Ball tritt, vermutlich um eine seitliche Grätsche unterbinden zu wollen. Tapsoba ist hier aber schon mit seinem Fuß darunter, bevor Nmecha ihn doch ordentlich mit der Sohle draufsteigt. Es wird hier sowohl Unparteiische geben, die auf den Punkt zeigen, als auch welche, die auf Stürmerfoul entscheiden. Für mich wäre hier ein direkter Freistoß rauswärts die beste Entscheidung gewesen. Brych muss in dieser Szene zu Gute gehalten werden, dass in der ersten Wiederholung ich auch instinktiv bei Strafstoß war und erst die Zeitlupen den genauen Bewegungsablauf offenbaren. Ein On-Field-Review empfahl VA Stieler hier aber nicht mehr. Entweder war ihm die Szene nicht eindeutig genug oder er wollte nicht ein zweites Mal Brych „für umsonst“ zum Monitor schicken.

SC Freiburg – SV Werder Bremen 2:0 (SR: Bastian Dankert)

Die spielentscheidende Szene ereignete sich in der 14. Minute, als Gregortisch ein Zuspiel von der rechten Seite am Bremer Innenverteidiger und Kapitän Friedl vorbeilegte und mit ordentlich Tempoüberschuss rechts an ihm vorbeizog. Dann kommt es zum Zweikampf, in dem Friedl seinen Gegenspieler mit dem rechten Arm deutlich hält. Gregoritsch hat allerdings auch seinen linken Arm an der Schulter von Friedl. Während dieser Kontakt der Freiburgers zweifelsohne kein zu ahndendes Vergehen darstellt, bewertet Dankert als Halten von Friedl als Foulspiel und muss den Bremer im Anschluss mit der roten Karte des Feldes verweisen, da er für ihn eine klare Torchance verhindert hat.

Weder das Foulspiel noch die Spielsituation sind so klar wie am Freitag in Mainz, doch am Ende bin ich hier beim Schiedsrichter. Denn das Halten von Friedl ist eindeutig, er will seinen deutlich schnelleren Gegenspieler stoppen, weil er sonst nicht mehr an den Ball gekommen wäre. Das Fallen von der Seite wirkt von Gregoritsch etwas unnatürlich, dennoch finde ich hier einfach, dass Friedl seinen Gegenspieler in der Summe mit unfairen und regelwidrigen Mittel ausgebremst hat. Doch handelt es sich hier auch wirklich um eine klare Torchance oder hätte Gelb für Friedl auch gereicht?

Gregoritsch hat nach Friedl keinen Bremer Verteidiger mehr vor sich und zieht in Richtung Tor. Es besitzt zwar nicht die unmittelbare Ballkontrolle, es ist aber sehr wahrscheinlich, dass nur er an den Ball (etwa zwei Meter vor ihm) gekommen wäre. Zwar laufen noch zwei weitere Bremer Verteidiger mit. Der Weg von Pieper zum Ball zum Zeitpunkt des Foulspiels war etwa drei Meter länger. Bei maximal gleichem Tempo sehr unwahrscheinlich, dass er hier noch hätte eingreifen können. Eine für Bremen natürlich harte, aber in der Summe doch vertretbare und aus meiner Sicht korrekte Entscheidung von Dankert. [TV-Bilder ab Minute 0:15]

Zehn Minuten vor dem Ende zeigte Dankert auf den Punkt. Der Strafstoß für Freiburg nach einem deutlichen Foul von Buchanan an Grifo war aber zweifelsohne eine korrekte Entscheidung.

VfL Bochum – 1. FC Union Berlin 2:1 (SR: Deniz Aytekin)

In der 17. Minute kommt es zum Laufduell zwischen Haberer und Ordets. Der Freiburger ist schneller und eher am Ball als sein Gegenspieler, der voll in den Zweikampf springt und dabei Haberer deutlich am linken Sprunggelenk trifft. In Echtzeit aus der Führungskamera sieht auch dieser Zweikampf nicht so wild aus. Doch Ordets trifft seinen Gegenspieler mit der offenen Sohle, durchgestrecktem Bein am Sprunggelenk auf Höhe des Knöchels. Die Intensität ist insgesamt sehr hoch, sodass in der Summe mehr für Rot als für Gelb spricht. Haberer muss im Anschluss aufgrund einer Verletzung resultierend aus diesem Zweikampf ausgewechselt werden.

Da der Treffer noch an der Grenze und der Fuß von Ordets am Boden ist (zum Zeitpunkt des Treffers) ist Gelb gerade noch mit viel „Empathie“ vertretbar. Rot aber regeltechnisch hier in jedem Fall die bessere Entscheidung. Denn die Verletzung von Haberer nahm Ordets mit diesem Einsteigen durchaus billigend in Kauf. [TV-Bilder ab Minute 0:00]

Nach einem Eckball in der 78. Minute blieb der Berliner Behrens im Bochumer Strafraum liegen. Schiedsrichter Aytekin hat zunächst wohl kein Foulspiel wahrgenommen doch Videoassistent Markus Schmidt meldet sich beim Nürnberger Spitzenschiedsrichter und bat ihn an den Monitor. Dort sah Aytekin, dass Masovic seinem Gegenspieler auf den Fuß gestiegen war. Muss nicht zwingend absichtlich gewesen sein, ist aber in jedem Fall ein Foulspiel, welches hier mit einem Strafraum geahndet werden muss. Korrekte Entscheidung von Aytekin nach VA-Review! Bei Eckbällen herrscht was Luftzweikämpfe und Halten angeht ein deutlich höherer Toleranzspielraum als bei unachtsamen Fußvergehen.

Fazit: Eine äußerst gebrauchte Woche endete für die DFB-Schiedsrichter in einem anspruchsvollen und zugleich ernüchternden Spieltag. Besonders die teilweise deutlichen Fehleinschätzungen trotz Videoassistent tun weh und werden die Akzeptanz der deutschen Elite-Schiedsrichter sicher nicht steigern.

Simon Schmidt

Sportjournalist Simon Schmidt aus Bayern stieg 2020 bei IG Schiedsrichter ein und übernimmt dort die wöchentliche Kolumne zur 1. Bundesliga und den Video-Assistenten. Seither ist er Mitglied des Kompetenzteams. In seiner Freizeit engagiert er sich als Fußball-Schiedsrichter und ist leidenschaftlicher Fußball-, Formel 1- sowie Technik-Fan.

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